Hey, alter Hund

Von alten Hunden kann man lernen. Ehrenbezeugung an alte Hunde und Empfehlung an neue Hundefreunde.

14. Oktober 2000
Die Leichtigkeit des Seins ist dahin, die Frechheiten der Jugend leidlich verarbeitet. Wenn Hund und Halter gemeinsam gealtert sind, treten andere Vorteile in den Vordergrund: Man muss (sich) fast nichts mehr sagen, man hat (sich) dennoch viel zu „erzählen“.  Mensch und Hund kennen ihre Vor- und Nachteile, ihre Marotten, ihre Gewohnheiten. Sie verstehen sich blind. Es lebe die Harmonie. Sie sind nicht mehr neugierig auf alles Verbotene, begnügen sich mit dem, was sie wissen. Es ist ihnen genug. Ein paar Fakten zum Alter bei Hunden. Sie sind kurz. Aus Langzeitstudien (über 20 Jahre) von schwedischen und amerikanischen Hundeversicherern geht hervor: Kleinwüchsige Hunde werden älter als grosse Typen. Hunde bis Kleinpudelgrösse im Durchschnitt rund 15 Jahre, riesengrosse und -schwere oder krank gezüchtete nicht einmal 7. Der bis jetzt nachweislich älteste Hund war ein Kelpie (australischer Hüte- und Treibhund) mit 29 Jahren und fünf Monaten. Er hütete fast 20 Jahre lang Rinder und Schafe. So vergleichbar alt kann kein Mensch werden, auch mit allen künftigen Medizinen nicht. Zumal dieser Kelpie noch so lange arbeitete, wie heute noch kein Mensch alt wird. Jugend ist die Pflicht, Mittelalter ist die Kür, Alter ist eine Aufgabe. Dies ist nicht nur ein Kapitel für Freunde, die sich einen alten Kameraden aus dem Tierheim holen. Sondern eine Vorfreude auf viele glückliche gemeinsame Jahre. Und wenn Hund und Mensch so rund 16 Jahre zusammengelebt haben und am Tag des natürlichen Hundetodes sagen können: .Wir haben uns nie gestritten!“, ja, dann haben Sie alles richtig gemacht. Glückwünsch! Ich beneide Sie. Die Erinnerung an aufregende Tage lebt noch einmal auf: die Sorgen um den Jungspund mit all seinen Neckereien und Ängsten, gar die aufregende Grundausbildung, und die Krankheiten, vielleicht Verletzungen. Haben dies beide hinter sich, kann man sich darauf freuen, einen abgeklärten Genossen um sich zu haben, der keine grossen Scherereien mehr anstellt. Noch schöner ist es, wenn sich Halter und Hund auch körper- wie lautsprachlich immer besser versehen. So gut, dass es immer weniger Worte bedarf: und der Hund weiss, was angesagt ist. Der Rest ist Unterhaltung. Ich bemerkte schon bei meinem damals vierjährigen Rüden, dass er auch meine Zwischentöne immer besser versteht (wenn er will). Man kennt sich halt mit den Jahren und vor allem seine Launen und Gewohnheiten. Bei früheren Temperamentsbolzen wird man sich genüsslich an jene Zeiten erinnern, wo der Hund ein gefürchteter Nachbarschreck war. Der nervige Nachbar ist inzwischen weggezogen. Der Hund wurde ruhiger. Er toleriert nur noch Nachbars Katze. Er käme ihr eh nicht mehr nach. Wie macht sich Altern bemerkbar? Meist sieht man es am grauer werdenden Fang (durch Schilddrüsenfunktion), vor allem die Schneidezähne sind abgenutzt, die Gelenke steifer, das Fell etwas stumpfer, der ganze Körperbau ist halt so gealtert (breiter geworden) wie bei Menschen ähnlich. Etwaige Verdauungsschwierigkeiten gleicht das angepasste Angebot an .Light“- oder .Senior“- oder .Diet“-Futter aus. Und er steht langsamer auf und legt sich dafür länger in die Sonne. Arthrose und Rheuma kennen auch alte Hunde. Man schätzt die Wärme und fürchtet die kalte Feuchtigkeit. Wie alle ältere Lebewesen auch. Die Weisheit des Alters ist etwas Schönes. Man beruhigt und versteht sich gegenseitig. Das heisst nicht, dass ein alter Hund nichts mehr lernen kann und will. Er tut sich halt ein bisschen schwerer. Wie geht es uns dabei? Genau so: ein bisschen gemütlicher, gelassener. Nicht von ungefähr überlassen es meine Lieblingsprofis unter den Hundeausbildern, die lernbegierigen Schäfer, ihren alten Hunden, wenn ein junger angelernt werden soll. Ein Schäfer sagte mir dazu nur: „Die verstehen sich besser ohne meine Einmischung.“ Szene eines alten Paares: Ich erinnere mich noch sehr genüsslich an eine Szene an einem spanischen Strand. Wir fuhren in einem eher kleinen Familienwagen nach Spanien: Zwei Töchter im streitbaren Alter von fünf und sieben hinten, die Rücksitze zu Liegeflächen umgebaut. Der Kinderwunsch, ein Basset Hound namens Tou Tou, von einem miesen Tierhändler befreit, mittenmang. Als Schiedsrichter. Wir kamen natürlich alle genervt an. Nichts wie an den Strand. Da waren aber noch verdammt viele Leute. Naja. Der Strand leerte sich bei unserem Ankommen: Achtung! Schreckliche Familie aus Deutschland! Da hockte etwa 100 Meter entfernt ein älterer Senior unter seinem Sonnenschirm, daneben ein riesiger Hund. Heute weiss ich, dass es ein riesiger Mastin Espanol war. Hund und Herr rührten sich nicht von der Stelle. Wie tot. Unser Hund tobte mit den Kindern im Salzwasser. Gekläff, Geschrei, Gekicher. Plötzlich formierten sich mehrere Pariahunde um diesen Hund auf vier kurzen Beinen, die wie Chippendale-Füsschen unter einem riesigen Tisch aussahen. Ich ahnte, dass es hier um Strandrechte ging. Mein Hund schien den einheimischen Guerilleros ausgeliefert. Er bellte halbherzig als Verteidiger, die Kinder hatten Angst um ihn. Da erhob sich der Mastin, vermutlich hatte er die Riesenschnauze voll von dem Gekreische meiner Töchter, schritt auf die Meute zu und hustete mal eben kurz, was eher danach klang, wie wenn man gegen einen leeren Industrie-Container fährt. Die Guerilleros verzogen sich zügig. Die beiden alten Herrschaften waren wieder unter sich. Ruhe am Strand. Endlich. Ich betrachtete die Retter näher. Nein, diese Ähnlichkeiten: Doppelkinn, Falten, müde Augen, Ausstrahlung gelebter Weisheit. Tou Tou schielte immer wieder zu seinem Beschützer. Der Mastin gähnte. Pensionäre bleiben lieber unter sich. Man mag nicht mehr aufregen. Nur wenn es sein muss, damit wieder Ruhe einkehrt. Die Aufgeregtheit früher Jahre hat sich in Ruhe abgelegt. Ich freue mich mit meinen gegenwärtigen Hunden schon drauf, gemeinsam alt zu werden. Nur mit der Angleichung der äusseren Erscheinung hapert es. Auch der zum Zeitpunkt dieses Eintippens sechseinhalbjährige (vergleichbar dem menschlichen Alter nur knapp jünger als ich) Howdy ist wesentlich knackiger als ich; die junge Maremmano-Hündin Anima noch albern genug für den gut sechsjährigen Rüden, um zu hundsföttischen Fangspielen gereizt zu werden. Er kann die junge Dame – wie ihre Vorgängerin – Beutefangen, Kampftechniken und Hundesprache lehren; sie schaut ihm vieles ab, und erfreulicherweise nicht alle seine Macken. Die Gesellschaft einer jungen, wenn auch relativ grossen Hundedame tut ihm dennoch sichtlich gut. Er spielt noch gerne, und er lernt ihr so manches. Und ich erlebe beide Hunde in ihrer ureigensten Art: als Rudeltiere. Wie schön, dass er keine Socken mehr verschleppt, keine Löcher mehr in den Garten buddelt, und die neuen Winterschuhe mit Lammfell nicht als saftiges Lammsteak anknabbert. Er will nicht mehr alle zehn Minuten spielen. Er räumt nicht den Papierkorb aus oder sortiert auf dem Schreibtisch liegen gelassene Dokumente oder Fotos, wo er als junger Hund drauf zu sehen ist. Er muss nicht alle Stunde lang pieseln und kacken. Er will nicht mehr den Scheiss anderer fressen. Alte Hunde reissen keine Blumen mehr ab und topfen frisch angelegte Sträucher nur noch um, wenn sie sich besonders jung fühlen. Alte Hunde haben zurecht die Schnauze voll von zu viel Trubel, und wenn es junge Hunde sind, die sie nerven. Sie haben es hinter sich. Dennoch kümmern sie sich rührend um die Nervensägen. Wenn die junge Brut, auch als vermeintlich anregende Besucher, wieder Leine zieht, geht ein tiefer erlösender Seufzer durchs heimische Revier. Besucher sind willkommen gern gesehen, aber wenn junge Hunde und halbstarke Rüden wieder das Hundealtersheim verlassen, ist es auch recht. Gut, man muss über alte Hunde nicht mehr so viel lachen, aber auch nicht mehr so viel fluchen. Es sind halt immer noch Gesellschaftstiere, auch im Alter. Sie geniessen es nun still. Sie sind auch als alte Lebewesen gern unter Menschen, selbst unter den hauseigenen Tieren. Alte, lieb gewordene Gewohnheiten. Sie haben noch den Überblick. Man möchte meinen: sie geniessen mehr, sie müssen sich nicht mehr beweisen. Es sei denn, sie befinden sich in einem grösseren Rudel. Da wird es härter für Alte. Die Jungen Wilden beissen sich nach oben. Die Alten bekommen ihre Ecke und werden geduldet. Sie haben es dennoch besser als manch alte Menschen, die nur aufs Abstellgleis geschoben werden. Denn auch alte Hunde bleiben Mitglieder des Rudels. Ein spezielles Altersheim für Hunde gibt es nicht bei Rudeln. Das sind so Geschichten, die viele Hundebesitzer kennen. In mehr oder weniger ähnlicher Form. Aber jede verläuft doch etwas anders. Es sind Lebensläufe. Besuchen Sie Altersheime für Hunde, besser bekannt als Tierheime. Nehmen Sie sich einen vierbeinigen Weisen als Partner. Denn sie finden sonst keine Abnehmer. Alle wollen junge Tiere. Die Alten bleiben als Ladenhüter. Ein dankbareres Subjekt werden Sie nie mehr finden. Ich würde vor allem Hundeanfängern dazu raten, einen gereiften, also .alten“ Hund zu nehmen, weil sie da nicht mehr so viel falsch machen können. Den Rest bringt ihnen der Altersweise schonend bei. Er hat die Geduld, und er ist dankbar. Ein schönes Beispiel aus der Tiervermittlungs-Sendung .Tiere suchen ein Zuhause“ im WDR. Ein junges, offensichtlich auch kluges Paar suchte sich, weil sie auch berufstätig sind, einen .Gebrauchten“. Der neunjährige Deutsche Schäferhund war bisher isoliert – Höchststrafe für einen Hund. Kettenhaltung auf dem Schrottplatz. Keine Sau da. Er wurde ins Tierheim abgeschoben. Da nahm ihn das Paar. Sie sind wohl hundeerfahren und vor allem – was nicht dasselbe bedeutet – hundeverständig. Sie wussten von seiner Isolation. Doch es war einfach wunderbar für die beiden wirklichen Tierfreunde, wie sie miterleben konnten, wie sich der vermeintlich .alte“ Schäferhund-Rüde erholte, wie ein Welpe spielte, dankbar war um jede Zuneigung. Das Paar sagte, er habe seine ganze verkorkste Sozialentwicklung noch mit neun Jahren einfach nachgeholt. Natürlich, und dieses sonst so gedankenlose Wort hat hier eine gewachsene Bedeutung, natürlich bekommen alte Hunde auch ihre Alterserscheinungen wie Rheuma, Gelenkschmerzen aller Art, Gicht und so weiter. Also typische Altersbegleiter, wie sie Menschen auch kennen. Auf das respektlos dumme Geschwätz vieler Menschen, die glauben, sie blieben ewig jung (damit beweisen sie bloss, dass sie bereits als junger Mensch im Kopf vorzeitig gealtert sind) und Alte (Hunde) würden zu nichts mehr zu gebrauchen sein, gehen wir hier nicht ein. Als ob sie nicht alt werden würden. Möglicherweise sind sie bereits als Junger zu nichts zu gebrauchen. Womit aber keine Hunde gemeint sind.
© Hundezeitung.de 10/2000

Geschrieben von admin am 14. März 2010 | Abgelegt unter Von Hunden | Keine Kommentare

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